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Offline mayya

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Das Leid der Tamilen nimmt kein Ende
« on: November 17, 2013, 22:35:49 PM »
VERGEWALTIGT, VERTRIEBEN, VERSCHWUNDEN


Das Leid der Tamilen nimmt kein Ende

Tausende Tamilen vermissen seit dem Bürgerkrieg ihre Angehörigen. Täglich verschwinden Menschen in Sri Lanka. Sie berichten von Folter und Vergewaltigungen. Die Regierung weist alles von sich.

Angehörige von Menschen, die während des Bürgerkrieges oder in der Zeit danach verschwunden und bis heute nicht wieder aufgetaucht sind, protestieren am 15.11.2013 in Jaffna, Sri Lanka. Direkt nach dem Bürgerkrieg wurde Sri Lanka zum Gastgeber des Commonwealth-Gipfels ernannt. Eine umstrittene Entscheidung - denn statt über den Staatenbund wurde nun vor allem über die Menschenrechtslage in Sri Lanka gesprochen.


Der Krieg in Sri Lanka ist vorbei, das Schießen beendet - doch das Leiden vieler Tamilen dauert an. "Wo ist mein Ehemann, wo ist mein Sohn?", ruft Thankavale Sathiyadevi verzweifelt. Ihre ganze Familie habe sich am 15. Mai 2009 zu Kriegsende in die Hände der Armee begeben, sagt sie. Dabei sei sie von ihrem Ehemann, ihrer Tochter, dem Schwiegersohn und drei Enkeln getrennt worden. Die 65-Jährige sah ihre Familie nie wieder.


Mit Hunderten Menschen, die ähnliche Geschichten erzählen, zog Sathiyadevi am Freitag durch die Straßen von Jaffna im Norden des Landes, wo die Rebellen der "Befreiungstiger von Tamil Eelam" (LTTE) fast dreißig Jahre lang mit äußerster Brutalität für einen eigenen tamilischen Staat kämpften. Die Demonstranten drangen trotz zahlreicher Polizisten zu dem Auto vor, in dem der britische Premierminister David Cameron unterwegs war. Sie baten ihn um Hilfe.

Die Regierung solle endlich für Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverletzungen zur Rechenschaft gezogen werden, forderten sie. Nach UN-Schätzungen starben allein in den letzten Monaten des Krieges bis zu 40 000 Zivilisten. Cameron stellte tags darauf in Colombo während des Commonwealth-Gipfels tatsächlich ein Ultimatum an Präsident Mahinda Rajapaksa: Bis März 2014 müssten die Vorwürfe "glaubwürdig, transparent und unabhängig" untersucht sein, sonst handele die internationale Gemeinschaft. Rajapaksa erwiderte: Das machen wir schon selber. "Wir sind ein demokratisches Land."

Menschen werden von der Straße aufgegriffen und abtransportiert

In kaum einem anderen Land der Welt allerdings gibt es so viele vermisste Menschen wie in Sri Lanka. 5000 Fälle würden nun untersucht, sagt Britto Fernando, Präsident der "Familien der Verschwundenen". Noch immer würden Menschen einfach von der Straße aufgegriffen und abtransportiert. "Die Leute haben riesige Angst. Ein weißer Bus kann um die Ecke kommen und sie mitnehmen - jederzeit."

Eine 30-jährige Tamilin erzählt, genau dieser Alptraum der Entführung in einem weißen Transporter sei ihr am 12. August dieses Jahres wahr geworden. "Männer mit Gewehren stiegen aus, fragten nach meinem Ausweis, stießen mich in den Wagen, verbanden meine Augen, fesselten meine Hände und brachten mich weg." In einem Gefängnis sei sie von zwei Polizisten ausgezogen und gefragt worden, ob sie der LTTE angehöre, berichtet die junge Frau am Telefon. "Als ich verneinte, begannen sie mich zu schlagen."

Von mehreren Männern mehrfach vergewaltigt

Dann sei sie von mehreren Männern vergewaltigt worden, immer wieder. "Ich verlor das Bewusstsein und als ich aufwachte, blutete ich im Intimbereich. Ich konnte nicht einmal laufen", erinnert sie sich. Nach 19 Tagen Tortur habe einer ihrer Onkel den Peinigern ein Päckchen Geld übergeben, daraufhin sei sie freigelassen worden. In einem Fischerboot floh sie aus Sri Lanka nach Indien.

Solche Misshandlungen durch Armee und Polizei sind laut der Organisation Human Rights Watch (HRW) noch immer "weit verbreitet". Damit wolle die Regierung, die überwiegend von Mitgliedern der singhalesischen Bevölkerungsmehrheit geführt wird, jeglichen Widerstand der Tamilen unterdrücken. "Der sri-lankische Staat lebt in der permanenten Paranoia, dass die LTTE wieder auftaucht", sagte HRW-Asien-Direktor Brad Adams.

Obwohl der Krieg vorbei ist, hat die Armee weiterhin Zehntausende Soldaten im Norden stationiert. Betroffene beklagen, sie seien von ihren Ländereien verjagt worden, die nun als Armeegebiet ausgewiesen seien. Tausende leben als "ahathi", hilflose Personen, in Flüchtlingscamps. Etwa 100 000 Tamilen seien außerdem aus dem Land geflohen, schätzt das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR. Nur 2300 von ihnen kehrten bislang zurück.

Leben zwischen Hoffnungslosigkeit und Furcht

"Jetzt, da der Krieg vorbei ist, sollten sie doch einen Platz zum Leben und die Chance auf einen Neuanfang bekommen", sagt der sri-lankische UNHCR-Vertreter Golam Abbas. Doch statt in neu gefundener Stabilität leben viele Tamilen zwischen Hoffnungslosigkeit und Furcht. Die Zeitung Uthayan etwa erlebte in den vergangenen Jahren Dutzende Angriffe: Journalisten wurden erschossen, Druckmaschinen zerstört, das Haus des Chefredakteurs mit einer Granate angegriffen.
Ein Arzt erzählt, er habe seit Kriegsende 400 Vergewaltigungsopfer behandelt und müsse ständig Mordopfer obduzieren. Keiner der Täter sei bislang zur Rechenschaft gezogen worden. Für diese Übergriffe macht der Politiker Gajendrakumar Ponnambalam - wie viele Tamilen - die Sicherheitskräfte in der Region verantwortlich. "Der Staat beschützt uns nicht, der verfolgt uns", sagt er.


Egal ob Priester, Journalisten, Rickscha-Fahrer, Studenten oder Witwen, sie alle fühlen sich als Tamilen diskriminiert. Und immer wieder ist zu hören: "Wir werden nicht kleinbeigeben wir werden unsere Identität nicht aufgeben." Eines Abends fragt ein junger Mann eine ehemalige LTTE-Krankenschwester, ob sie denn bei einem neuen Kampf, mit anderen Mitteln, wieder dabei wäre. "Klar", antwortet sie.

17.11.2013 | 15:41 Uhrvmd, Doreen Fiedler



http://www.n24.de/n24/Wissen/Kultur-Gesellschaft/d/3850602/das-leid-der-tamilen-nimmt-kein-ende.html